Wenn die Zeit knapp wird — Stundenentwurf

Lan­desin­sti­tut für Schulqual­ität und Lehrerbil­dung Sach­sen-Anhalt
Staatlich­es Sem­i­nar für Lehrämter Halle


Unterrichtsentwurf für den Prüfungsunterricht

gemäß der Verord­nung über den Vor­bere­itungs­di­enst und die Lauf­bah­n­prü­fung für ein Lehramt im Land Sach­sen-Anhalt (LVO-Lehramt) vom 13. Juli 2011.

im Fach: Evan­ge­lis­che Reli­gion

The­ma der Unter­richtsse­quenz: Was ist Zeit?

The­ma der Unter­richtsstunde: Wenn die Zeit knapp wird? – A Sin­gle Life

Schule: Mar­tin-Luther-Gym­na­si­um, Siegfried-Berg­er-Weg 16/17, 06295 Luther­stadt Eisleben

Datum: 23.10.2017

Klasse: 10

Uhrzeit: 9:20 – 10:05 Uhr

Raum: 202 (Haus I)

Stu­di­en­ref­er­en­darin: Romy Ader­hold

Haupt­sem­i­narlei­t­erin: N.N.

Fach­sem­i­narlei­t­erin Geschichte: N.N.

Fach­sem­i­narlei­t­erin Evan­ge­lis­che Reli­gion: N.N.

Schulleit­er: N.N.

Betreu­ungslehrerin Geschichte:N.N.

Betreu­ungslehrerin Evan­ge­lis­che Reli­gion: N.N.



1. Analyse des didaktischen Bedingungsfeldes

Die vor­liegende Unter­richtsstunde und Unter­richtsse­quenz wurde für Schü­lerin­nen und Schüler1Schülerinnen und Schüler wird zur besseren Les­barkeit in den fol­gen­den Aus­führun­gen mit SuS abgekürzt. der Klassen­stufe 10 konzip­iert.

Die hier zu beschreibende religiös-plu­rale Lerngruppe2N.N., N.N., N.N., N.N., N.N., N.N. S, N.N., N.N. und N.N. sind kon­fir­miert oder weisen eine Nähe zu kirchenge­meindlichen Aktiv­itäten auf. des evan­ge­lis­chen Reli­gion­sun­ter­richts beste­ht aus 15 SuS, die sich in einem recht unaus­ge­wo­ge­nen Geschlechter­ver­hält­nis von 10 Mäd­chen zu 5 Jun­gen zusam­menset­zt. Die SuS sind bis auf wenige Aus­nah­men alter­shomogen: N.N. wieder­holt die 10. Klasse und ist demzu­folge etwas älter. N.N. musste wegen ein­er schw­eren Erkrankung lange pausieren und ist nach ein­er Wiedere­ingliederungsphase nun im vollen Stun­den- und Leis­tung­sum­fang inte­gri­ert. Im Sep­tem­ber 2016 begann in dieser Lern­gruppe der von mein­er Men­torin gestützte Unter­richt, seit Beginn des neuen Schul­jahres erfol­gt der Unter­richt eigen­ver­ant­wortlich.

Das Lehrer-Schüler-Ver­hält­nis nehme ich als ein pos­i­tiv geprägtes wahr. Gle­ich­wohl die The­men des Reli­gion­sun­ter­richts wie Tod und Ster­ben in Klasse 9 (und in der Fort­führung in Klasse 10: Auseinan­der­set­zung mit Escha­tolo­gie als Lehre von den let­zten Din­gen – Tod, Aufer­ste­hung und Jüng­stes Gericht) eine beson­dere Sen­si­bil­ität in einem päd­a­gogis­chen Schon­raum bedür­fen, begeg­neten die SuS meinem Unter­richt zu diesem The­ma und dem daran anschließen­dem Unter­richt sehr aufgeschlossen. Die SuS nutzen mündliche und schriftliche Evaluierungschan­cen und macht­en hier­bei auch kon­struk­tiv-kri­tis­che Angaben, die wertschätzend in die weit­ere Unter­richt­s­pla­nung ein­be­zo­gen wur­den. Dies lässt auf eine ver­trauensvolle Akzep­tanz und Inter­esse an der Gestal­tung von unserem gemein­samen Unter­richt schließen.

Grund­sät­zlich beste­ht in der Klasse eine motivierte Leis­tungs­bere­itschaft, die sich ins­beson­dere in Gespräch­sphasen durch eine aktive Beteili­gung am Unter­richts­ge­spräch able­sen lässt. SuS wie N.N., N.N., N.N., N.N. und N.N. sind zumeist ver­lässliche Gesprächspart­ner im Stun­den­ver­lauf. Im vorherge­hen­den Unter­richt zum The­ma Natur­wis­senschaft und Glaube fan­den the­men­be­zo­gene Diskus­sio­nen statt, die eine zunehmende Beteili­gung von SuS wie N.N., N.N., N.N., N.N., N.N., N.N. aufzeigten. N.N., N.N., N.N. und N.N. sind stille SuS, die durch aktive Ansprache oder Auf­forderung ein­be­zo­gen wer­den kön­nen. Indes soll es den SuS freigestellt bleiben, die sinnbilden­den Ange­bote des Reli­gion­sun­ter­richts im Stilleren oder im Aus­tausch mit ihren Peers wahrzunehmen, um zu ein­er eige­nen Sinnbil­dung zu gelan­gen.

In hand­lungs- und pro­duk­to­ri­en­tierten Arbeit­sphasen zeigen die SuS eine gute und zumeist motivierte Arbeits­bere­itschaft. Ver­mei­dung­shand­lun­gen, die auf eine ver­min­derte Anstren­gungs­bere­itschaft schließen lassen, treten vere­inzelt in Form von Kle­in­grup­penge­sprächen auf. Ihnen wird mit motivieren­der Ansprache und fre­undlich­er Auf­forderung begeg­net.

Es gelingt den SuS dieser Lern­gruppe gut koop­er­a­tiv zu arbeit­en.

Das Leis­tungsver­mö­gen ist het­ero­gen und lässt sich an Kri­te­rien wie Erfas­sung und Bear­beitung von Auf­gaben- und Fragestel­lun­gen, Textver­ständ­nis – bspw. Erfas­sung von Kerngedanken – sowie dem Aus­prä­gungs­grad der Fähigkeit sich Einzu­lassen einschätzen.3Sich Ein­lassen ist die Voraus­set­zung der Entwick­lung von Wahrnehmungs- und Darstel­lungs­fähigkeit. Dieses Kri­teri­um aber lediglich unter Leis­tungsver­mö­gen einzuord­nen, wäre eine unpassende Veren­gung. Wahrnehmen ist u.a. von Gefühlen und Stim­mung bee­in­flusst und gibt daher nicht nur über unser Ver­mö­gen oder Unver­mö­gen Leis­tun­gen zu erbrin­gen Auf­schluss. Die Bere­itschaft und das Ver­mö­gen Leis­tun­gen zu erbrin­gen sind also in größer­er Abhängigkeit vom per­sön­lichen Lern­bere­ich, vor allem wenn es um eine ästhetis­che Dimen­sion religiös­er Bil­dung­sprozesse geht. Vgl. hierzu die didak­tis­chen Über­legun­gen weit­er unten. N.N., N.N., N.N. und N.N. weisen ein aus­geprägtes Erfassen von Phänome­nen aus Text, Bild oder Musik und eine ela­bori­erte Darstel­lung ihrer Deu­tung dazu auf. Über den ver­stärk­ten Ein­satz von Team- oder Grup­pe­nar­beit­sphasen kann in der Zusam­me­nar­beit der leis­tung­shetero­ge­nen SuS eine natür­liche Dif­feren­zierung real­isiert werden.4In Weit­er­führung von Vygot­skij, der indi­vidu­elle kog­ni­tive Weit­er­en­twick­lung über Zusam­me­nar­beit und Kom­mu­nika­tion mit anderen als ein Werkzeug für Lern­er­folge kennze­ich­net. Vgl. VYGOTSKIJ, Lev Semënovič: Denken und Sprechen, Wein­heim u.a. 2002, S. 327.

Das Sozialver­hal­ten ist in dieser Lern­gruppe ins­ge­samt als pos­i­tiv zu bew­erten. Die SuS kön­nen diskur­siv aufeinan­der einge­hen und nehmen zumeist Rück­sicht aufeinan­der. N.N. bedarf ver­stärk­ter Unter­stützung in dial­o­gis­chen Sit­u­a­tio­nen und koop­er­a­tiv­en Erar­beitungsphasen dahinge­hend, dass sie in ihrem per­sön­lichen Lern­bere­ich zur Entwick­lung ein­er kon­struk­tiv­en Begeg­nung geprägt von Ver­ständi­gung, Respekt, Anerken­nung und Aushal­ten von Dif­ferenz unter­stützt wird. Unter­richtsstörun­gen treten in dieser Klasse lediglich in Form von Kle­in­grup­penge­sprächen ver­mehrt zwis­chen benach­barten SuS wie N.N. und N.N., N.N. und N.N. auf. Über direk­te namentliche Ansprache oder non­ver­bale Kom­mu­nika­tion (Blick­kon­takt) kön­nen diese Störun­gen gut einge­gren­zt wer­den.

Reg­ulär find­et der Reli­gion­sun­ter­richt Fre­itag­mor­gen in einem Dop­pel­stun­den­block im Haus II statt. Für die Real­i­sa­tion des Prü­fung­sun­ter­richts wer­den die SuS zum Unter­richt in das Haus I kom­men. Demzu­folge find­et der Unter­richt in ein­er verän­derten Raum- und Zeit­si­t­u­a­tion statt. Über die bekan­nte Sit­zord­nung soll den­noch eine ver­traute Ler­numge­bung geschaf­fen wer­den. Die medi­alen Bedin­gun­gen bleiben mit Flügeltafel und Over­head­pro­jek­tor erhal­ten. Der Ein­satz von Medi­en­tech­nik wie Beam­er, Lap­top, Ton­ver­stärkung kann über den Medi­en­wa­gen real­isiert wer­den. Unter kleineren qual­i­ta­tiv­en Abzü­gen – keine geweißte Wand oder Lein­wand im Raum 202 – ist der Ein­satz von Filmme­di­en für den Unter­richt den­noch möglich. Es liegen gute Ver­dun­klungsmöglichkeit­en über manuelle Rol­l­lä­den vor.

Dieser Unter­richtsstunde vor­angestellt ist eine Ein­stiegstunde zum The­ma Was ist Zeit?, in der die SuS in die Anforderungssi­t­u­a­tion einge­führt und ihre Zeit­er­fahrun­gen wahrgenom­men und ver­schiede­nen Zeit­be­grif­f­en und Zeit­per­spek­tiv­en gegenüber­stellen kön­nen.

2. Sachanalyse

Die Zeit ver­rin­nt. Die Zeit rast. Die Zeit ste­ht still. Die Zeit verge­ht wie im Fluge. Ich habe doch keine Zeit … In vielfältig­ster Weise sprechen wir in unserem All­t­ag von Zeit. Wir gebrauchen Redewen­dun­gen und ver­wen­den Meta­phern, um Zeit­prob­leme oder Zeitk­nap­pheit zu for­mulieren. Wir ver­wen­den Zeit­be­griffe um Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft zu unter­schei­den, indem wir fra­gen, was gestern war, heute ist und mor­gen sein wird. Uns sind Zeitmess­er wie Uhren oder Kalen­der dien­lich, um Zeit­punkt oder Zeit­dauer anzugeben. Wir staunen über Abwe­ichun­gen zwis­chen sub­jek­tivem Zeit­er­leben und objek­tiv mess­bar­er Uhr- oder Jahreszeit.

Was ist also die Zeit?“ fragte Augustin, ein­er der ersten The­olo­gen des frühen Chris­ten­tums, in seinen Beken­nt­nis­sen und for­mulierte in Anlehnung an Aris­tote­les eher rät­sel­haft: „Wenn mich nie­mand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erk­lären sollte, weiß ich es nicht“.5AUGUSTINUS, Aure­lius: Die Beken­nt­nisse des heili­gen Augusti­nus, Elftes Buch, 14. Kapi­tel, Leipzig 1888, Online im Inter­net, URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bekenntnisse-des-heiligen-augustinus-510/12. [let­zter Zugriff am 10.10.2017]

Der Zeit­be­griff an sich und das Sprechen von Zeit ist in Erfas­sung und Deu­tung kul­tur­ab­hängig, also stets selb­st ein Kind sein­er Zeit und der Men­schen, die Deu­tun­gen vornehmen und Erfas­sung prak­tizieren. Voraus­set­zung für dieses Sprechen von Zeit ist die Erfahrung von Zeit als ein grundle­gen­der Bestandteil der men­schlichen Exis­tenz und Beweg­grund für jedes philosophis­che, the­ol­o­gis­che, geschichts- und natur­wis­senschaftliche oder kün­st­lerische Nach­denken und Prob­lema­tisieren von Zeit.6Vgl. GLOY, Karen, Art.: Zeit, I. Philosophisch, in: TRE, Bd. 36, S. 504.

Im Kurz­film „A Sin­gle Life“, der 2014 von einem nieder­ländis­chen Filmteam pro­duziert und mit zahlre­ichen Ausze­ich­nun­gen – unter anderem ein­er Oscarno­minierung als bester Kurz­film im Jahr 2015 – prämiert wurde, kann die Pro­tag­o­nistin Pia in 2 Minuten und 15 Sekun­den eine Zeitreise durch ihr Leben machen.7Dieser Film und viele weit­ere inter­es­sante Pro­jek­te des kun­stschaf­fend­en Teams find­en sich auf der Web­site der Filmemach­er, unter: http://jobjorisenmarieke.nl/a-single-life. Ein mys­ter­iös­er Bote stellt ihr eine Vinylplat­te mit der Auf­schrift „A Sin­gle Life“ zu, mit der es Pia gelingt, in der Zeit vor- und zurück zu reisen und fünf eigene Leben­salter in unter­schiedlichen Leben­sräu­men aufzusuchen. Der Film endet über­raschend und deu­tung­sof­fen: Reist sie durch ein erfülltes Leben, in dem Zeit immer eine beson­dere Rolle spielt? Hat sie genü­gend Zeit oder gleit­et sie ihr aus den Hän­den?
Die Filmemach­er ver­ar­beit­en das Motiv ver­schieden­er Zeitab­schnitte und Ord­nung von Zeit, dass bere­its in ein­er grundle­gen­den Betra­ch­tung der Wortherkun­ft von Zeit offen­bar wird.

Das deutsche Wort Zeit lässt sich aus dem althochdeutschen Wort „zit“ für abteilen, aufteilen und zumessen her­leit­en und ver­weist ety­mol­o­gisch betra­chtet auf eine Ein­teilung natür­lich­er und kul­tureller Ver­laufs­for­men und Abläufen von Geschehen in die Ord­nung von Wel­ter­fahrung. Zeitvorstel­lun­gen sind demzu­folge Aus­druck und Ord­nung von unter­schiedlichen Erfahrun­gen. 8Vgl. MOHN, Jür­gen, Art: Zeit/Zeitvorstellungen, I. Reli­gion­swis­senschaftlich, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1801.

In bib­lis­ch­er Betra­ch­tung von Zeit und Zeitvorstel­lun­gen zeigen sich ety­mol­o­gis­che und exegetis­che Beson­der­heit­en, die hier nur angeris­sen wer­den kön­nen. Im Alten Tes­ta­ment gilt es Zeit zwis­chen dem Zeit­er­leben der Israeliten im All­t­ag und Zeitaus­sagen der Büch­er des Alten Tes­ta­ments zu unter­schei­den: Die Tätigkeit­en und kul­tischen Hand­lun­gen der land­wirtschaftlich leben­den Israeliten waren an Zeit­ein­heit­en wie Tag und Nacht, Aus­saat und Ernte, Sab­bat und Woche gebun­den. Jed­er Hand­lung war die Bes­tim­mung eines recht­en Zeit­punk­tes bedeut­sam, das in der weisheitlichen Lit­er­atur von Kohelet mit „Alles Ding hat seine Zeit“ (Koh 3,1) beschrieben und als ganzheitliche Aus­rich­tung des Men­schen auf die Gegen­wart und die in ihr liegen­den Möglichkeit­en gedacht wurde.9Vgl. MATHYS, Hans-Peter, Art.: Zeit, III. Altes Tes­ta­ment, In: TRE, Bd. 36, S. 521f. Darüber hin­aus erscheint Zeit in alttes­ta­mentlichen Erzäh­lun­gen und Geschichtss­chrei­bun­gen als das punk­tuelle Ein­greifen Gottes in das Geschehen auf Erden, zugun­sten oder gegen seines israelitis­chen Volkes, selb­st oder durch sein Wort an Propheten: Er rief als Schöpfer Zeit und Zeitmes­sung durch Gestirne ins Leben (Gen 1,1), er bes­timmt die men­schliche Leben­szeit (Gen 6,3), prägt die Heils­geschichte und ver­heißt in der Abfolge von Wel­tre­ichen ein zukün­ftiges ewiges Reich (Dan 2 und 7).10Ebd. Das Neue Tes­ta­ment set­zt diese Erwartung eines zün­fti­gen Reich­es voraus und sieht es im Leben, Wirken und Verkündi­gung des Reich Gottes durch Jesus Chris­tus erfüllt. Somit lassen sich aus der jüdisch-christlichen Schrift­tra­di­tion eine zyk­lis­che Vorstel­lung von Zeitabläufen (im Sinne von wiederkehren­den, rhyth­mis­chen Ereignis­sen und Zustän­den) sowie eine his­torisch-lin­eare Vorstel­lung von Zeit (unter­schei­d­bar in Gegen­wart, Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft) erken­nen.

In christlich-the­ol­o­gis­ch­er Hin­sicht erscheinen zwei Kom­po­nen­ten in ihrer Verbindung bedeut­sam. Wie das Ver­hält­nis Gottes zur Zeit beschrieben wer­den kann und wie der Men­sch als Teil der Schöp­fung Zeit deutet und gestal­tet. Gott als Schöpfer gab die Zeit an die Schöp­fung und verge­gen­wär­tigt sich in ihr durch sein schöpferisches, ver­söh­nen­des, vol­len­den­des und teil­nehmendes Handeln.11Sofern nicht anders angegeben, fol­gen die näch­sten Ausf­pührun­gen der Darstel­lung von: SCHWÖLBEL, Christoph, Art.: Zeit/Zeitvorstellungen, V. Reli­gion­sphilosophisch, dog­ma­tisch, ethisch, 2. Dog­ma­tisch, 3. Ethisch, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1812–1816.

Alle Zeit ist von Gott ver­liehene Gabe und er beauf­tragte den Men­schen aus und in dieser Fülle ver­ant­wor­tungsvoll zu leben. Der Men­sch als Eben­bild Gottes ist in Frei­heit in die Schöp­fung geset­zt und hat damit Deu­tungs- und Gestal­tungsmöglichkeit­en für sein Leben in der Zeit. Durch die Men­schw­er­dung Gottes in Jesus Chris­tus und die Verkündi­gung des Reich Gottes ver­wan­delt er durch Verge­bung die Zeit des Gerichts in eine Zeit der Gnade und erfüllt sie heilsver­sprechend. Diese Botschaft der Hoff­nung ste­ht span­nungsvoll zwis­chen einem escha­tol­o­gis­chen „schon jet­zt“ (präsen­tis­ches Heil) und einem „noch nicht“ (futur­isches Heil). In der Aufer­weck­ung Jesu eröffnet Gott den Men­schen den Zugang zu ein­er neuen zukün­fti­gen Zeit und in dieser Ewigkeit ver­wirk­licht sich die Gemein­schaft von Gott und Men­sch.

An diese dog­ma­tis­che Per­spek­tive und dem Ver­ständ­nis von Zeit als Gabe Gottes schließt die ethis­che Dimen­sion zur Frage nach der Gestal­tung dieser ver­füg­baren Zeit an. Wie kann der Men­sch in sein­er Frei­heit, die ihm zugemessene Zeit nutzen?
Schaut man auf Unter­suchun­gen und Darstel­lun­gen über Zeit­er­fahrun­gen, wird Zeit eher als Last, als Bedro­hung emp­fun­den. Die Zeit greife nach dem Men­schen, ein Leben wie im Ham­ster­rad sind geläu­fige Bilder der Gegenwart.12REINGRABNER, Gus­tav: „… Zeitlich und ewiglich wohl ver­di­enet …“ — Einige the­ol­o­gis­che Bemerkun­gen zur Zeit, in: HELLER, Hart­mut (Hrsg.): Gemessene Zeit – gefühlte Zeit. Ten­den­zen der Beschle­u­ni­gung, Ver­langsamung und sub­jek­tiv­en Zeit­empfind­ens, Wien 2006, S. 32f.

Dem gegenüber zeich­net sich ein Bedürf­nis nach Ver­langsamung, Entschle­u­ni­gung und Verän­derung ab. Die Wahrnehmung und Erfahrung von Zeit ist fol­gerichtig sehr stark indi­vidu­ell geprägt und ver­weist damit auch auf eine anthro­pol­o­gis­che Dimen­sion: men­schliche Exis­tenz vol­lzieht sich in der ihm ver­füg­baren und begren­zten Zeit. Indem der Men­sch seine Zeit berech­net, ihr Inhalte und Lebens­gestal­tung zuord­net, füllt er sie und kann mit den Inhal­ten eine sub­jek­tive Wer­tung vornehmen.13So wer­den Zeit­en als gute oder schlechte Zeit­en bew­ertet und mit ein­er bes­timmten Bedeu­tung verse­hen. Vgl. a.a.O. S. 36.

Indem wir fra­gen wie wir leben wollen und wie wir mit unser­er Zeit umge­hen wollen, entste­ht eine Verbindung zwis­chen der ethis­chen und der anthro­pol­o­gis­chen Dimen­sion. Dieses Fra­gen kön­nte Anlass sein, zu einem kri­tis­chen Zeitver­ständ­nis und Zeit­be­wusst­sein zu gelan­gen, um in unseren gesellschaftlichen und kul­turellen Kon­tex­ten, geprägt von Mod­ernisierung und Glob­al­isierung, schnellen Kom­mu­nika­tion­ssys­te­men und Medi­en mit unter­schiedlichen Zeit­er­fahrun­gen umge­hen zu können.14Schweitzer sieht darin einen prak­tisch-the­ol­o­gis­chen Bil­dungsauf­trag, der in den nach­fol­gen­den Über­legun­gen aufge­grif­f­en wer­den soll. SCHWEITZER, Friedrich, Art.: Zeit/Zeitvorstellungen, VI. Prak­tisch-The­ol­o­gisch, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1816.

3. Didaktische Überlegungen

Aus den abschließen­den Gedanken der Sach­analyse lassen sich Rückschlüsse für das prak­tisch-the­ol­o­gis­che Hand­lungs­feld des Reli­gion­sun­ter­richts for­mulieren.
Friedrich Schweitzer sieht für eine gelin­gende Iden­titäts­bil­dung die Entwick­lung eines kri­tis­chen Zeitver­ständ­niss­es und Zeit­be­wusst­seins als religionspädagogische Auf­gabe. In Beru­fung auf Erken­nt­nisse der Entwick­lungspsy­cholo­gie bildet sich die Fähigkeit mit unter­schiedlichen Zeit­be­grif­f­en, Zeitvorstel­lun­gen und Zeitkonzepten umzuge­hen erst auf­grund spez­i­fis­ch­er Erfahrun­gen in der Adoleszenz heraus.15Vgl. a.a.O. Dem Reli­gion­sun­ter­richt obliegt es dann, diese spez­i­fis­chen Erfahrungs­for­men als Her­aus­forderun­gen und Chance aufzu­greifen, um ein kri­tis­ches Zeit- und Selb­st­be­wusst­sein auszu­bilden und einen Beitrag zur Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung zu leis­ten.

Im Fach­lehrplan des Lan­des Sach­sen-Anhalt ist die Auseinan­der­set­zung mit Zeitvorstel­lun­gen und Zeitkon­struk­tio­nen im Kom­pe­ten­zschw­er­punkt Escha­tolo­gie der Klassen­stufe 10 vorgesehen.16Vgl. Kul­tus­min­is­teri­um Sach­sen-Anhalt: Fach­lehrplan Gym­na­si­um, Evan­ge­lis­ch­er Reli­gion­sun­ter­richt, Magde­burg 2016; URL: http://www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/Erprobung/Gymnasium/FLP_Gym_evRel_LTn. pdf?rl=59, [let­zter Zugriff am 6. Okto­ber 2017]. Hier­für sind in den grundle­gen­den Wis­sens­bestän­den ver­schiedene bib­lis­che Zeitver­ständ­nisse (präsen­tis­che Escha­tolo­gie, zyk­lis­ches und lin­ear­es Zeitver­ständ­nis) zur Behand­lung im Unter­richt vorgeschla­gen.

Die Verbindung zwis­chen den oben genan­nten reli­gion­späd­a­gogis­chen Her­aus­forderun­gen und der cur­ric­u­laren Vor­gabe sollte über eine sinns­tif­tende Anforderungssi­t­u­a­tion erfol­gen. Die SuS wer­den aus­ge­hend von ihren indi­vidu­ellen Zeit­er­fahrun­gen und Zeitver­ständ­nis­sen in eine Begeg­nung mit religiösen, the­ol­o­gis­chen, kul­turellen und gesellschaftlichen Zeitkonzepten geführt. Dabei erfol­gt die Behand­lung des The­mas „Was ist Zeit?“ inner­halb der Sequenz Escha­tolo­gie vor allem aus ein­er anthro­pol­o­gis­chen Per­spek­tive: Men­schliche Exis­tenz, Endlichkeit und Zeit­er­fahrun­gen sind durch die Zeit bes­timmt und die SuS kön­nen über eine Annäherung an die Frage „Was ist Zeit?“ sich dessen bewusst wer­den. Aus der indi­vidu­ellen Wahrnehmung der Zeit sollte die Ein­bet­tung in kul­turelle und gesellschaftliche Zusam­men­hänge der sozial bed­ingten Zeit und Erfahrun­gen dies­bezüglich erfol­gen.

Für die Aus­prä­gung der Wahrnehmungskom­pe­tenz erweist sich der reli­gion­späd­a­gogis­che Ansatz von Joachim Kun­st­mann als gewinnbrin­gend. Dem­nach sieht er in einem ästhetisch kon­turi­erten Zugang einen Weg zu religiös­er Bil­dung: „Ästhetis­che Erfahrung stellt in exem­plar­isch­er Weise jenen ver­mit­tel­nden Bezug zwis­chen Welt und Selb­st her […] Bil­dung­sprozesse begin­nen mit wach­er Wahrnehmung“.17KUNSTMANN, Joachim, Zur ästhetis­chen Sig­natur religiös­er Bil­dung­sprozesse, Güter­sloh 2002, S. 238. Diese ästhetis­che Bil­dung leit­et sich weniger als Ergeb­nis von Denkprozessen, son­dern vielmehr als Ergeb­nis sinnlich­er Erfahrun­gen und ein­er reflex­iv­en Wahrnehmungs­fähigkeit ab.18Die Förderung reflek­tiert­er Wahrnehmung erfolge nach Kun­st­mann über die Verknüp­fung von ästhetis­ch­er Erfahrung und Ver­nun­ft, zu ein­er ästhetis­chen Ver­nun­ft (als einem höheren Ver­mö­gen). Ebd.

In der Fort­führung seines Ansatzes fol­gen diese didak­tis­chen Über­legun­gen der Annahme, dass über Medi­en, ver­tiefende sinnliche Erfahrun­gen gemacht wer­den kön­nen, die Aus­gangspunkt von Bil­dung und Erken­nt­nis sein kön­nen. Vor allem im Hin­blick auf Zeit­er­fahrun­gen bietet sich die Ver­wen­dung von medi­alen Zeug­nis­sen an, da über Ton, Bild und Musik ein mehrdi­men­sion­ales Darstellen von zu deu­ten­den Zeit­er­fahrun­gen möglich ist. Kurz­film­beiträge wie sie bspw. unter webcompetent.org, dem reli­gion­späd­a­gogis­chen Blog aus Thürin­gen und Sach­sen-Anhalt vorgestellt und unter­richt­sprak­tisch einge­bet­tet wer­den, zeu­gen von ein­er faszinieren­den Dichte und ermöglichen eine ver­tiefende Auseinan­der­set­zung mit Zeit­er­fahrun­gen und Zeitver­ständ­nis­sen.

4. Kompetenzorientierte Lernziele

Die Unter­richtsse­quenz leis­tet schw­er­punk­t­mäßig einen Beitrag zur Aus­bil­dung der Deu­tungskom­pe­tenz im Kom­pe­ten­zschw­er­punkt Escha­tolo­gie. Über­ge­ord­netes Ziel dieser Sequenz ist aus­ge­hend vom Leitgedanken – Hoff­nung als Gestal­tungskat­e­gorie des demokratis­chen Gemein­we­sens beurteilen – gegen­warts- und zukun­fts­be­zo­gene Deu­tun­gen vorzunehmen.

Die Unter­richtsstunde leis­tet mith­il­fe des fol­gen­den Lernziels einen Beitrag zur Aus­bil­dung der Wahrnehmungs- und Darstel­lungskom­pe­tenz.

Die SuS kön­nen Vorstel­lung und Kon­struk­tion von Zeit (Leben­szeit) aus dem Kurz­film „A Sin­gle Life“ wahrnehmen, deuten und in den the­ol­o­gis­chen Deu­tungsrah­men des Buch­es Kohelet (Koh 3, 1–13 — Alles hat seine Zeit) ein­bet­ten. Darüber hin­aus kön­nen sie sich ihrer eige­nen Zeit­er­fahrung in der Gestal­tung von Leben und All­t­ag bewusst wer­den.

Zudem leis­tet die Unter­richtsstunde einen Beitrag zur kul­turellen Kompetenz19Vgl. die Schlüs­selkom­pe­ten­zen im Grund­satzband. Kul­tus­min­is­teri­um Sach­sen-Anhalt: Grund­satzband Gymnasium/Fachgymnasium. Kom­pe­ten­zen­twick­lung und Unter­richt­squal­ität, Magde­burg 2014, URL: https:/ www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/Erprobung/Gymnasium/GSB_Gym_LT.pdf?rl=81, S. 12., indem die SuS in dem Kurz­film „A Sin­gle Life“ ein Zeug­nis der ästhetis­chen Auseinan­der­set­zung mit anthro­pol­o­gis­chen Fragestel­lun­gen erken­nen und als solch­es ver­ste­hen.

5. Methodische Entscheidungen

Um die for­mulierten Ziele zu erre­ichen, wer­den nach­fol­gende method­is­che Entschei­dun­gen getrof­fen.

Der Ein­stieg erfol­gt über den Kurz­film „A Sin­gle Life“, der 2014 von einem nieder­ländis­chen Filmteam pro­duziert wurde. Film und Song erzählen und spie­len kreativ mit Zeit und Zeit­er­fahrun­gen und ermöglichen auf­grund von vie­len kleinen Details (Sym­bol­en, Zeichen, Buchti­tel, etc.) einen weit­en Deu­tung­shor­i­zont.

Für diese Unter­richt­stunde ist ein ein­ma­liges Anschauen und anschließen­des Hören des Film­songs geplant, da der Song im Laufe des Films auf­grund der zeitreisenden Pro­ta- gonistin lediglich in kurzen Auss­chnit­ten zu hören ist. Als Beobach­tungsauf­gabe erhal­ten die SuS den Auf­trag, Über­legun­gen dahinge­hend anzustellen, welche Botschaft der Film dem Zuschauer ver­mit­teln kön­nte.

Diese Botschaft des Films wird im späteren Ver­lauf der Stunde eine For­mulierung an der Tafel find­en, doch sollte dies erst nach der Erar­beitungsphase und der Wahrnehmung von möglichen Zeit­be­grif­f­en und ver­ar­beit­eten Zeit­er­fahrun­gen des Films erfol­gen, da in dieser Phase in Koop­er­a­tion mit einem Gesprächspart­ner ein Ideen- und Gedanke­naus­tausch auch zur Deu­tung und Botschaft des Films vorgenom­men und in dieser Sozial­form eine verän­dernde oder ver­tiefende Deu­tung erfahren kön­nte.

Eine Alter­na­tive kön­nte die For­mulierung von Fra­gen, die den SuS während des Schauens in den Sinn kom­men und während der Stunde aufge­grif­f­en wer­den sollen, zur Beobach­tungsauf­gabe stellen. Auf­grund der Länge des Filmes von nur knapp 3 Minuten und der Annahme fol­gend, dass die SuS über eine unter­schiedliche Deu­tung der Botschaft des Films im Lehrer-Schüler-Gespräch auch offene Fra­gen zur Diskus­sion stellen, fällt die Entschei­dung zugun­sten des erst­ge­nan­nten Beobach­tungsauf­trages.

Das Hören der Film­musik wird durch ein Arbeits­blatt mit ein­er Kurzver­sion des Song­textes unter­stützt, um eine Verbindung zwis­chen Hören des Liedes, Lesen und Erfas­sung des Lied­in­halts möglich zu machen. Über­set­zungs­fra­gen wer­den im Plenum und in der part­ner­schaftlichen Hil­festel­lung gek­lärt. Dann schließt sich wie oben bere­its ange­merkt ein kurz­er Aus­tausch in Part­ner­ar­beit an, der die indi­vidu­elle Wahrnehmung der SuS über den part­ner­schaftlichen Aus­tausch in einen größeren Deu­tungsraum stellen soll. Im anschließen­den Lehrer-Schüler-Gespräch ist ein Aus­tausch über Filmin­halt, Deu­tung und Zeit­per­spek­tiv­en des Filmes geplant, dessen Ziel eine For­mulierung der zen­tralen Botschaft des Films an der Tafel ist. Auf­grund der Deu­tung­sof­fen­heit des Films kön­nen mehrere indi­vidu­elle For­mulierun­gen gefun­den und fest­ge­hal­ten wer­den. Die For­mulierung als Du- Botschaft dient hier­bei ein­er Pro­voka­tion, da Du-Botschaften eher Wider­stand oder Ablehnung erzeu­gen. Gle­ich­wohl eröffnet eine for­mulierte Du-Botschaft wie „Du hast nur dieses eine Leben, lebe es richtig!“ einen umfänglicheren Deu­tungskon­text. Dem kön­nen SuS zus­tim­mend oder ablehnend begeg­nen, das kann unan­genehmen Druck oder eine pos­i­tive Leben­se­in­stel­lung erzeu­gen. Diese Phase fol­gt method­isch dem Think-Pair-Share-Prinzip.

Alter­na­tiv wäre die Erhöhung der Kom­plex­ität der Auf­gaben­stel­lung insofern möglich, dass die SuS nach der indi­vidu­ellen Wahrnehmung von Film und Song, nicht nur begrün­dete Zeit­er­fahrun­gen aus den filmis­chen und musikalis­chen Gestal­tungsmit­teln part­ner­schaftlich disku­tieren, son­dern auch eine For­mulierung der Botschaft des Films vornehmen und diese dann in der Share-Phase zur Gesprächs­grund­lage für das Plenum wird. Dafür bräucht­en die SuS hin­re­ichend Zeit und die Chance im Plenum ins Gespräch zu kom­men, würde sich merk­lich reduzieren. Daher fällt die Entschei­dung zugun­sten der Vorge­hensweise in drei Schrit­ten in der jew­eils ver­größerten Sozial­form aus.

Über der Ver­tiefungsphase ste­ht eine Erweiterung um die religiöse Dimen­sion. Diese wäre im Anschluss an die Über­legun­gen der SuS im Lehrer-Schüler-Gespräch als Impuls über ver­schiedene Rich­tun­gen denkbar. So kön­nte Zeit­er­fahrung eines bib­lis­chen Textes wie bspw. Koh 3 oder Psalm 90,12 oder the­ol­o­gis­che wie reli­gion­sphilosophis­che Gedanken zur Zeit von Augustin, Anselm Grün oder Ernesto Car­de­nal herange­zo­gen wer­den, um die Deu­tungsebene zu ver­größern. Die Entschei­dung wurde zugun­sten des Textes „Alles hat seine Zeit“ aus dem Buch Kohelet getrof­fen, da es ein­er­seits in sein­er Gedicht­form die Dichtkun­st der Antike mit der Dichtkun­st von heute (A Sin­gle Life) offenkundig macht und da es ander­er­seits im Hin­blick auf inhaltliche Ähn­lichkeit­en eine mit dem Film ver­gle­ich­bare, präsen­tisch gedachte Botschaft her­auszustellen möglich macht.

Nach dem stillen Lesen des Textes, das sich auf­grund der sprach­lichen Wieder­hol­un­gen eher anbi­etet als ein gemein­schaftlich­es ver­sweis­es Vorge­hen – wird auch hier eine For­mulierung der Botschaft in der Du-Form an der Tafel fix­iert. Die Ver­tiefungsphase wird durch eine her­aus­fordernde Entschei­dung abgeschlossen, die wiederum eine weit­ere Deu­tungsebene des Filmes auf­greifen und Raum für Inter­pre­ta­tion schaf­fen soll: Die Frage „Kann Gott als Über­bringer oder Sprung in der Plat­te gedacht wer­den?“ erfordert von den SuS eine begrün­dete Posi­tion­ierung.

Die Reflex­ion­sphase dieser Stunde soll den SuS eine ver­tiefende Auseinan­der­set­zung mit ihrer eige­nen gegen­wär­ti­gen Zeit­er­fahrung und Gestal­tung von Zeiträu­men ermöglichen. Ein kurz­er Lehrervor­trag dient hier­bei der gedanklichen Rück­führung zum Kurz­film und der Ein­führung in die Auf­gabe, sich ein im über­tra­ge­nen Sinne gemeintes Bild eines derzeit­i­gen Raumes im Leben der SuS zu machen. Gedankliche Anre­gung sind dafür Satzan­fänge auf einem Arbeits­blatt, die Momente des Films auf­greifen und darüber hin­aus­ge­hende Zeit­er­fahrun­gen gedanklich erfassen und ins Bewusst­sein der SuS holen sollen. Der Aus­tausch im Plenum wird bere­its auf dem Arbeits­blatt, auf­grund der per­sön­lichen Aus­sagen und Gedanken der SuS als eine frei­willige Option for­muliert. Gle­ich­wohl wird ein Aus­tausch mit einem Arbeitspart­ner als wün­schenswert beschrieben, damit die SuS untere­inan­der Wertschätzung erfahren und geben, sowie zu ein­er gedanklichen Anre­gung oder ver­tiefend­en Erken­nt­nis gelan­gen kön­nen. Zum Stun­de­nende führt dann das Ange­bot an das Plenum, Gedanken zu den Zeit­er­fahrun­gen und dem part­ner­schaftlichen Aus­tausch dazu vorzustellen und in einen größeren Aus­tausch zu gelan­gen.

In der didak­tis­chen Reserve kön­nte bei einem kleinerem Zeit­pol­ster ein Wech­sel in die Metaebene mit dem Frageim­puls: „Welche Fra­gen haben sich euch aus der Beschäf­ti­gung mit den Satzan­fän­gen ergeben?“ erfol­gen. Ein ver­tiefend­er Frageim­puls zur Bedeu­tung von Nicht­stun und Langeweile als Schlüs­sel zu Kreativ­ität und Erfolg könnte im Falle eines größeren Zeit­fen­sters anschließen. Dies könnte gut mit einem Zitat von Ernesto Kar­de­nal ein­geleit­et und der Frage: „Welche Erfahrun­gen habt ihr mit Langeweile gemacht?“ aufge­grif­f­en und einge­bet­tet wer­den.
„Nun fällt es dem mod­er­nen Men­schen schon schw­er, allein zu sein; auf den Grund seines eige­nen Ichs zu steigen, ist fast unmöglich für ihn. Sollte er aber doch ein­mal mit sich selb­st im stillen Käm­mer­lein bleiben und ger­ade kurz vor der Erken­nt­nis Gottes ste­hen, dann macht er das Radio oder den Fernse­her an.“20Aus ein­er Predigt von Mar­got Käß­mann vom 30. Mai 2010, unter: https://goo.gl/ewsj3k.

6. Abkürzungsverzeichnis

Die Bedeu­tung der Abkürzun­gen entsprechen den Angaben in: SCHWERTNER, Siegfried, u.a. (Hrsg.): Inter­na­tionales Abkürzungsverze­ich­nis für The­olo­gie und Gren­zge­bi­ete. IATG. Zeitschriften, Serien, Lexi­ka Abkürzungsverze­ich­nis, Berlin 1976. Die Abkürzun­gen der bib­lis­chen Bücher erfol­gen nach den Loc­c­umer Richtlin­ien.

7. Literaturverzeichnis

AUGUSTINUS, Aure­lius: Die Beken­nt­nisse des heili­gen Augusti­nus, Elftes Buch, 14. Kapi­tel, Leipzig 1888, URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bekenntnisse-des-heiligen-augustinus-510/12 [let­zter Zugriff am 10.10.2017]

FREY, Jörg, Art.: Zeit/Zeitvorstellungen, II. Bib­lisch. 2. Neues Tes­ta­ment, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1804–1805

GLOY, Karen, Art.: Zeit, I. Philosophisch, in: TRE, Bd. 36, 504–516

Kul­tus­min­is­teri­um Sach­sen-Anhalt: Fach­lehrplan Gym­na­si­um, Evan­ge­lis­ch­er Reli­gion­sun­ter­richt, Magde­burg 2016; URL: http://www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/Erprobung/Gymnasium/FLP_ Gym_evRel_LTn.pdf?rl=59, [let­zter Zugriff am 6. Okto­ber 2017]

Kul­tus­min­is­teri­um Sach­sen-Anhalt: Grund­satzband Gymnasium/Fachgymnasium. Kom­pe­ten­zen­twick­lung und Unter­richt­squal­ität, Magde­burg 2014; URL: https://www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/ Erprobung/Gymnasium/GSB_Gym_LT.pdf?rl=81, [let­zter Zugriff am 6. Okto­ber 2017]

KUNSTMANN, Joachim, Zur ästhetis­chen Sig­natur religiös­er Bil­dung­sprozesse, Güter­sloh 2002

MATHYS, Hans-Peter, Art.: Zeit, III. Altes Tes­ta­ment, In: TRE, Bd. 36, S. 520–523

MOHN, Jür­gen, Art: Zeit/Zeitvorstellungen, I. Reli­gion­swis­senschaftlich, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1800–1802

REINGRABNER, Gus­tav: „… Zeitlich und ewiglich wohl ver­di­enet …“ -„ Einige the­ol­o­gis­che Bemerkun­gen zur Zeit, in: HELLER, Hart­mut (Hrsg.): Gemessene Zeit – gefühlte Zeit. Ten­den­zen der Beschle­u­ni­gung, Ver­langsamung und sub­jek­tiv­en Zeit­empfind­ens, Wien 2006, S. 23–42

SCHWEITZER, Friedrich, Art.: Zeit/Zeitvorstellungen, VI. Prak­tisch-The­ol­o­gisch, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1816- 1817

SCHWÖLBEL, Christoph, Art.: Zeit/Zeitvorstellungen, V. Reli­gion­sphilosophisch, dog­ma­tisch, ethisch, 2. Dog­ma­tisch, 3. Ethisch, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1812–1816

VYGOTSKIJ, Lev Semënovič: Denken und Sprechen, Wein­heim u.a. 2002

8. Anhang

8.1. Selbständigkeitserklärung

Hier­mit erk­läre ich, N.N., geb. am xxx in xxx, wohn­haft in xxx, dass ich den vor­liegen­den Unter­richt­sen­twurf selb­st­ständig und ohne fremde Hil­fe ver­fasst, andere als die von mir angegebe­nen Quellen und Hil­f­s­mit­tel nicht benutzt und die den benutzten Werken wörtlich oder inhaltlich ent­nomme­nen Stellen als solche ken­ntlich gemacht habe.

xxx., den xxx.

8.2. Sequenzplanung

The­ma der Sequenz: Worauf kann ich hof­fen?
Kom­pe­ten­zschw­er­punkt: Escha­tolo­gie -> Hoff­nung als zen­trale Gestal­tungskat­e­gorie des demokratis­chen Gemein­we­sen beurteilen

Schw­er­punk­t­mäßig auszu­bildende prozess­be­zo­gene Kom­pe­ten­zen:

Was ist Zeit?

D: vielfältige Vorstel­lun­gen und Kon­struk­tio­nen von Zeit inter­pretieren

Worauf kann ich hof­fen?

KuD: den religiösen Ursprung des Hoff­nungs­gedankens aufdeck­en und Ambivalen­zen kom­mu­nizieren
B: the­ol­o­gis­che Posi­tio­nen der christlichen Aufer­ste­hung­shoff­nung beurteilen

Gibt es für unsere Welt noch Hoff­nung?

WuD: in Utopi­en und Dystopi­en die Her­aus­forderun­gen der Gegen­wart wahrnehmen
G: sich mit der Gestal­tungskat­e­gorie Hoff­nung im Kon­text des demokratis­chen Gemein­we­sens auseinan­der­set­zen

inhaltliche Schw­er­punk­te für inhalts­be­zo­gene Kom­pe­ten­zen

  • Per­spek­tiv­en:
    • indi­vidu­elle Zukun­ft­shoff­nun­gen
    • Zeit und Endlichkeit im Blick­feld christlich­er The­olo­gie
    • gestal­tete Zukun­ft im Hor­i­zont interreligiöser und gesellschaftlich­er Vielfalt
  • zyk­lis­ches Zeitver­ständ­nis: Koh 1, 2–11; lin­ear­es Zeitver­ständ­nis: 5. Mose 6,20–25
  • Chronos: Ps 90,4; Kairos: Mk 1,14;
  • hoff­nungs­the­ol­o­gis­che Texte des Juden­tums: 5. Mose 26, 5–9; des Chris­ten­tums: Mt 12,40; des Islam: Sure 21:88
  • das paulin­is­che Aufer­ste­hungs­beken­nt­nis: 1. Kor 15,3–5; präsen­tis­che Escha­tolo­gie: Lk 17,21
  • das himm­lis­che Jerusalem: Off 21, 1–5

8.3 Verlaufsplanung

The­ma der Stunde: Wenn die Zeit knapp wird? – A Sin­gle Life
Ziele: Die SuS kön­nen Vorstel­lung und Kon­struk­tion von Zeit (Leben­szeit) aus dem Kurz­film „A Sin­gle Life“ wahrnehmen, deuten und in den the­ol­o­gis­chen Deu­tungsrah­men des Buch­es Kohelet (Koh 3, 1–13: Alles hat seine Zeit) ein­bet­ten.

Darüber hin­aus kön­nen sie sich ihrer eige­nen Zeit­er­fahrung in der Gestal­tung von Leben und All­t­ag bewusst wer­den.

8.4. Kommentierter Sitzplan

 

8.5 Das Tafelbild

8.6 Arbeitsmaterialien

Die Mate­ri­alien find­en sich in diesem Ord­ner. Das Pass­wort erfahren Sie von ihrer Sem­i­narleitung.

Fußnoten   [ + ]

1. Schülerinnen und Schüler wird zur besseren Les­barkeit in den fol­gen­den Aus­führun­gen mit SuS abgekürzt.
2. N.N., N.N., N.N., N.N., N.N., N.N. S, N.N., N.N. und N.N. sind kon­fir­miert oder weisen eine Nähe zu kirchenge­meindlichen Aktiv­itäten auf.
3. Sich Ein­lassen ist die Voraus­set­zung der Entwick­lung von Wahrnehmungs- und Darstel­lungs­fähigkeit. Dieses Kri­teri­um aber lediglich unter Leis­tungsver­mö­gen einzuord­nen, wäre eine unpassende Veren­gung. Wahrnehmen ist u.a. von Gefühlen und Stim­mung bee­in­flusst und gibt daher nicht nur über unser Ver­mö­gen oder Unver­mö­gen Leis­tun­gen zu erbrin­gen Auf­schluss. Die Bere­itschaft und das Ver­mö­gen Leis­tun­gen zu erbrin­gen sind also in größer­er Abhängigkeit vom per­sön­lichen Lern­bere­ich, vor allem wenn es um eine ästhetis­che Dimen­sion religiös­er Bil­dung­sprozesse geht. Vgl. hierzu die didak­tis­chen Über­legun­gen weit­er unten.
4. In Weit­er­führung von Vygot­skij, der indi­vidu­elle kog­ni­tive Weit­er­en­twick­lung über Zusam­me­nar­beit und Kom­mu­nika­tion mit anderen als ein Werkzeug für Lern­er­folge kennze­ich­net. Vgl. VYGOTSKIJ, Lev Semënovič: Denken und Sprechen, Wein­heim u.a. 2002, S. 327.
5. AUGUSTINUS, Aure­lius: Die Beken­nt­nisse des heili­gen Augusti­nus, Elftes Buch, 14. Kapi­tel, Leipzig 1888, Online im Inter­net, URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bekenntnisse-des-heiligen-augustinus-510/12. [let­zter Zugriff am 10.10.2017]
6. Vgl. GLOY, Karen, Art.: Zeit, I. Philosophisch, in: TRE, Bd. 36, S. 504.
7. Dieser Film und viele weit­ere inter­es­sante Pro­jek­te des kun­stschaf­fend­en Teams find­en sich auf der Web­site der Filmemach­er, unter: http://jobjorisenmarieke.nl/a-single-life.
8. Vgl. MOHN, Jür­gen, Art: Zeit/Zeitvorstellungen, I. Reli­gion­swis­senschaftlich, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1801.
9. Vgl. MATHYS, Hans-Peter, Art.: Zeit, III. Altes Tes­ta­ment, In: TRE, Bd. 36, S. 521f.
10. Ebd.
11. Sofern nicht anders angegeben, fol­gen die näch­sten Ausf­pührun­gen der Darstel­lung von: SCHWÖLBEL, Christoph, Art.: Zeit/Zeitvorstellungen, V. Reli­gion­sphilosophisch, dog­ma­tisch, ethisch, 2. Dog­ma­tisch, 3. Ethisch, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1812–1816.
12. REINGRABNER, Gus­tav: „… Zeitlich und ewiglich wohl ver­di­enet …“ — Einige the­ol­o­gis­che Bemerkun­gen zur Zeit, in: HELLER, Hart­mut (Hrsg.): Gemessene Zeit – gefühlte Zeit. Ten­den­zen der Beschle­u­ni­gung, Ver­langsamung und sub­jek­tiv­en Zeit­empfind­ens, Wien 2006, S. 32f.
13. So wer­den Zeit­en als gute oder schlechte Zeit­en bew­ertet und mit ein­er bes­timmten Bedeu­tung verse­hen. Vgl. a.a.O. S. 36.
14. Schweitzer sieht darin einen prak­tisch-the­ol­o­gis­chen Bil­dungsauf­trag, der in den nach­fol­gen­den Über­legun­gen aufge­grif­f­en wer­den soll. SCHWEITZER, Friedrich, Art.: Zeit/Zeitvorstellungen, VI. Prak­tisch-The­ol­o­gisch, in: RGG, Bd. 8, Sp. 1816.
15. Vgl. a.a.O.
16. Vgl. Kul­tus­min­is­teri­um Sach­sen-Anhalt: Fach­lehrplan Gym­na­si­um, Evan­ge­lis­ch­er Reli­gion­sun­ter­richt, Magde­burg 2016; URL: http://www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/Erprobung/Gymnasium/FLP_Gym_evRel_LTn. pdf?rl=59, [let­zter Zugriff am 6. Okto­ber 2017].
17. KUNSTMANN, Joachim, Zur ästhetis­chen Sig­natur religiös­er Bil­dung­sprozesse, Güter­sloh 2002, S. 238.
18. Die Förderung reflek­tiert­er Wahrnehmung erfolge nach Kun­st­mann über die Verknüp­fung von ästhetis­ch­er Erfahrung und Ver­nun­ft, zu ein­er ästhetis­chen Ver­nun­ft (als einem höheren Ver­mö­gen). Ebd.
19. Vgl. die Schlüs­selkom­pe­ten­zen im Grund­satzband. Kul­tus­min­is­teri­um Sach­sen-Anhalt: Grund­satzband Gymnasium/Fachgymnasium. Kom­pe­ten­zen­twick­lung und Unter­richt­squal­ität, Magde­burg 2014, URL: https:/ www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/Erprobung/Gymnasium/GSB_Gym_LT.pdf?rl=81, S. 12.
20. Aus ein­er Predigt von Mar­got Käß­mann vom 30. Mai 2010, unter: https://goo.gl/ewsj3k.

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